Die Verantwortung der Universitäten für den Schutz von Demokratie und Freiheit
„Wer den Frieden sichern will, muss ihn verteidigen können“
Herr Präsident Hofmann, in welcher Situation befinden wir uns nach Ihrer Analyse derzeit?
Ich halte die Lage für ernst und strategische Anpassungen an die neue Realität für dringend erforderlich. Energie aus Russland, Sicherheit aus den USA und Digitalisierung zunehmend aus China: Getragen von der naiven Vorstellung, dass es immer so weitergehe, hatten wir es uns in Deutschland zu lange gemütlich eingerichtet. Die Verlagerung systemkritischer Wirtschaftsbereiche ins Ausland, neue geopolitische Realitäten, der sich verschärfende Wettbewerb unterschiedlicher Regierungssysteme und die dramatisch veränderte Sicherheitslage erfordern ein grundlegendes Umdenken.
Spätestens der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat uns aus dem Dornröschenschlaf herausgerissen und die Illusion vom positiven Weiter-so zerbrochen. Mit Sorge beobachten wir alle ein Wiederaufleben und die Stärkung von autoritären Herrschaftsformen weltweit und neue imperialistische Angriffe auf das Völkerrecht. Wir erleben den gezielten Einsatz von Desinformation sowie die Überlegenheit neuer Technologien in der hybriden Kriegsführung. All dies treibt in atemberaubender Geschwindigkeit die Destabilisierung der Welt voran, stellt Deutschland vor entscheidende wirtschafts-, außen-, und sicherheitspolitische Weichenstellungen und erfordert eine überfällige Stärkung der europäischen Sicherheitsarchitektur.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Staat, Wirtschaft – und insbesondere für die Hochschulen?
Wenn Europa nicht zum Spielball der „Großmächte“ verkommen will, muss es seine Selbstbestimmtheit und Verteidigungsfähigkeit stärken – und zwar rasch! Hier sind nicht nur Unternehmen und die Politik gefordert, sondern gerade auch die Hochschulen. Es ist entscheidend, dass ihre Entdeckungen, Erfindungen und technischen Entwicklungen effektiver in marktfähige Innovationsprozesse eingespeist, deren wirtschaftliche Potentiale in Europa skaliert und auch für eine moderne, leistungsfähige Verteidigungsfähigkeit unserer freiheitlich-demokratischen Wertegemeinschaft nutzbar gemacht werden. Verantwortungsvoll handelnde Hochschulen entziehen sich diesem Mandat nicht.
Welche Bereiche sind für die Verteidigungsfähigkeit besonders relevant?
Der Schutz unserer Bevölkerung und der nationalen Sicherheit verlangt aufgrund zunehmend hybrider Bedrohungen und völlig neuer Formen der Kriegsführung vor allem technischen Fortschritt. Die Entwicklung KI-gesteuerter, autonomer und weitgehend unbemannter Systeme, die elektronische Abwehr, die Stärkung unserer Cyber-Sicherheit sowie die Schaffung einer europäischen Weltrauminfrastruktur müssen deutlich beschleunigt werden. Ebenso müssen wir die Entwicklung von neuen Materialien und Fertigungsverfahren sowie die Rückgewinnung wertvoller Rohstoffe als Teil einer reaktionsfähigen und resilienten Logistik vorantreiben, um auf sich verändernde Bedrohungen schnell und auch kosteneffizient reagieren zu können.
Immer noch werden an vielen deutschen Hochschulen Dual-Use-Potenziale tabuisiert. Können Sie das nachvollziehen?
Nein. In naiver Weise hat Deutschland die Entwicklung moderner Verteidigungstechnologien überwiegend anderen Ländern überlassen – und hat sich selbst unnötig auf Bundeswehrhochschulen beschränkt. Dabei entstehen an deutschen Universitäten herausragende Technologieinnovationen mit Dual-Use-Potenzialen, das heißt zur zivilen wie auch militärischen Nutzung. Deren Nutzung zu militärischen Zwecken galt in Deutschland bislang als Tabu – als wäre Neutralität in sicherheitskritischen Fragen ein moralischer Wert. Angesichts der hohen staatlichen Investitionen in unsere Hochschulen und der dramatischen geopolitischen Veränderungen sind wir gefordert, mehr Verantwortung zu übernehmen und unsere freiheitlich-demokratische Wertegemeinschaft zu schützen. Dazu müssen wir Technologien mit Dual-Use-Potenzialen auch für defensiv-militärische Zwecke nutzen.
Zahlreiche deutsche Hochschulen haben Zivilklauseln, die sogar Forschung zu defensiv-militärischen Zwecken explizit untersagen. Was halten Sie davon?
Universitäten müssen aufhören, sich hinter der falsch verstandenen Zivilklausel zu verstecken und sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Wer den Frieden sichern will, muss ihn auch verteidigen können.
Befürworter der Zivilklauseln berufen sich ebenfalls auf den Frieden. Wie sehen Sie das?
Natürlich haben sich auch die Befürworter von Zivilklauseln stets auf den Frieden berufen. Aber das hohe Gut der grundgesetzlich verankerten Freiheit von Lehre und Forschung ist mit einer Einengung durch Zivilklauseln aus meiner Sicht nicht vereinbar. Es muss die Entscheidung der jeweiligen Forschenden sein, ob und inwieweit sie sich mit ihrer Expertise für die Verteidigung unseres Landes engagieren wollen. Entsprechende Einschränkungen durch Zivilklauseln stehen den Hochschulleitungen und -gremien aus meiner Sicht nicht zu.
Die durch Zivilklauseln simulierte Neutralität ist angesichts von Angriffen auf unser demokratisches Wertesystem keine moralische Überlegenheit, sondern ein gefährlicher Rückzug aus der Realität. Eine freiheitliche Gesellschaft, deren Hochschulen sich selbstzufrieden als Elfenbeinturm verstehen und sich nicht für die Bedürfnisse des Landes einsetzen wollen, wird auf Dauer nicht frei bleiben.
Wie geht die TUM konkret mit dieser Verantwortung um?
An der Technischen Universität München haben wir dieses gesellschaftliche Mandat angenommen und damit begonnen, die Voraussetzungen zu schaffen, damit sich Forschung, Lehre und Innovation im Bereich Sicherheits- und Verteidigungstechnologien entfalten können.
Welche Projekte sind dabei zentral?
Dazu gehört natürlich der im Rahmen der Hightech Agenda der Bayerischen Staatsregierung stark vorangetriebene Ausbau unserer Forschung im Bereich Geodäsie, Luft- und Raumfahrt am neuen TUM Campus Ottobrunn-Taufkirchen. Technologisch sind hier zivile und defensiv-militärische Nutzung ohnehin kaum zu trennen. Gleiches gilt für unser Munich Institute for Robotics and Machine Intelligence (MIRMI), eines der führenden Robotik-Institute Europas. Hier nutzen wir unsere Innovationen in Robotik und autonomen Systemen für die Gesellschaft, indem wir Menschen im Alltag und bei der Arbeit unterstützen. Und wir tragen dazu bei, die Sicherheit der Menschen zu verbessern und das Land verteidigungsfähig zu machen.
Welche Forschungsfelder könnten für Defense interessant sein?
In Bereichen wie Robotik, autonome Systeme, künstliche Intelligenz, Quantensensorik und -kommunikation, Materialwissenschaften, Ingenieur- und Naturwissenschaften gibt es enorme Potenziale – und die Bereitschaft führender Köpfe, ihre Forschung in den Dienst der Sicherung von Freiheit, Demokratie und Frieden zu stellen. Selbst in der Medizinforschung werden mögliche Szenarien für den Verteidigungsfall mitgedacht. Unsere Unfallchirurgie arbeitet beispielsweise gemeinsam mit Experten aus dem TUM Department Luft- und Raumfahrt und der Firma Avilus an der Transportdrohne Grille, die verletzte Soldatinnen und Soldaten schnell hinter die Linien bringen soll.
Gleichzeitig stärken wir die Demokratiebildung in unserer studentischen Lehre, beispielsweise über die Angebote unserer Hochschule für Politik München und der TUM School of Social Sciences and Technology. Wir müssen unsere jungen Menschen befähigen, aus innerer Überzeugung für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, wirtschaftliche Sicherheit und Frieden einzutreten. Dies wird zunehmend wichtig, denn die Demokratie, in der wir leben, wird auch in unserem Land vermehrt infrage gestellt.
Die TUM gilt als stark in der Zusammenarbeit mit Unternehmen und externen Partnern. Wie wollen sie dies weiterentwickeln?
Der Großraum München verfügt über alles Notwendige, um ein Innovationsökosystem für Sicherheits- und Verteidigungstechnologien aufzubauen. Soeben haben wir die TUM Security and Defense Alliance gegründet und verbinden so die wissenschaftliche Exzellenz der TUM mit der Praxiskompetenz der Universität der Bundeswehr München, der Industrie, der Skalierungskompetenz etablierter Unternehmen sowie der Agilität und Innovationskraft der TUM Venture Labs. Gemeinsam wollen wir Symbiosepotentiale in einem Innovationsökosystem für Sicherheits- und Verteidigungstechnologien entfalten und allianzfähig werden für eine starke europäische Vernetzung.
- Airbus Defence and Space GmbH
- Diehl Defence GmbH & Co. KG
- Helsing Germany GmbH
- Hensoldt AG
- Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH
- Isar Aerospace SE
- MBDA Deutschland GmbH
- MTU Aero Engines AG
- Neuraspace
- Quantum-Systems GmbH
- Resaro Europe GmbH
- Rohde & Schwarz GmbH & Co. KG
- SAP SE
- TUM Venture Lab Aerospace / Defense
- TYTAN Technologies GmbH
- Universität der Bundeswehr München
Was macht die Stärke der TUM Security and Defense Alliance aus?
Mit dieser Allianz bündeln wir die zahlreichen Kräfte im Großraum München. Dazu gehört der TUM Campus Aerospace & Geodesy in Ottobrunn-Taufkirchen mit den benachbarten kraftvollen Industrieunternehmen. Hinzu zählen auch die Universität der Bundeswehr in Neubiberg, unser MIRMI in der Innenstadt sowie der TUM Campus Garching mit all seiner Expertise zu Künstlicher Intelligenz, Autonomen Systemen, Cyber Security und Sensorik. Dort sitzen auch unsere Industry-on-Campus-Partner wie SAP und Siemens. Am Campus Oberpfaffenhofen haben wir mit dem TUM Aerospace Flight Test Center direktem Zugang zur experimentellen Erprobung von Fluggeräten. Und künftig wird das Aerospace / Defense Lab in Erding dazukommen, das sich gerade im Aufbau befindet. Dort entstehen Reallabore zum Erproben und Testen, zur Zusammenarbeit von Entwicklern und Anwendern und zur barrierefreien Vernetzung von militärischer und ziviler Forschung, Start-ups, Industrie und der Bundeswehr an einem geschützten Ort.
Sie haben die Start-ups schon angesprochen. Welche Rolle spielen sie im Bereich Sicherheit?
Eine sehr große! Mehr als 100 Gründungsteams aus dem Bereich Sicherheit und Verteidigung werden derzeit von den TUM Venture Labs begleitet. Strategische Partnerschaften mit Firmen wie IABG, Rohde & Schwarz oder Hensoldt helfen, die Entwicklung von Start-ups hin zu skalierbaren Unternehmen zu beschleunigen. Unser gemeinsames Ziel ist es, die europäische Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit, die technologische Selbstbestimmtheit Europas sowie die Fähigkeit zu Stabilisierung und internationaler Friedenssicherung nachhaltig zu stärken. Und auch an das Aerospace / Defense Lab Erding werden die Venture Labs expandieren.
Haben Sie konkrete Beispiele für Defense-Start-ups aus dem Ökosystem rund um die TUM?
Tytan Technologies ist eines. Zunächst entwickelte Balázs Nagy an der TUM mit Mitstudierenden eine KI-gesteuerte Drohne mit Defibrillator, die Leben retten kann. Heute produziert sein Unternehmen Drohnentechnik, die der Ukraine bei der Abwehr russischer Luftangriffe hilft. Auch SE3Labs ist ein gutes Beispiel: Die Gründer – TUM-Professor Daniel Cremers und zwei ehemalige Doktoranden – bringen Computern bei, die reale Welt umfassend digital abzubilden und darin zu navigieren.
Was sagen sie zu Kritikern, die befürchten, dass das zu einer Militarisierung der Forschung führt?
Das ist Polemik, die uns nicht weiterbringt. Es geht darum, vorhandenes Wissen, Talente und Technik auch im Sinne der Sicherheit unserer Gesellschaft zu nutzen – verantwortungsvoll, unter Wahrung der Wissenschaftsfreiheit und zum Schutz unserer demokratischen Wertegemeinschaft.
Was wünschen Sie sich mit Blick auf andere Hochschulen in Deutschland?
Ich hoffe, dass sich mehr Hochschulen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden. Wer unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und den Frieden sichern will, muss sie verteidigen können. Und dazu braucht es die Wissenschaft.
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