150 Jahre TUM – Geschichten zum Jubiläum 2018
DNA-Origami
DNA: Der perfekte Baustoff für Nanomaschinen
Millionen winziger Figuren tummeln sich unter dem Elektronenmikroskop, jede von ihnen nur wenige Nanometer groß: Roboter winken mit den Armen, Bücher öffnen und schließen sich und Zahnräder greifen wie in einem Getriebe ineinander. Was der Physiker Hendrik Dietz und sein Team im Jahr 2015 unter dem Mikroskop sehen, ist für sie ein entscheidender Schritt voran. Erstmals haben sie auch in ihrem eigenen Labor bewegliche Formen im Nanomaßstab hergestellt – und zwar aus Schnipseln des Erbgutmoleküls DNA.
Bald will Dietz auf diese Weise im Labor sogar ganze Maschinen und Motoren aus DNA bauen, die dann zum Beispiel Medikamente an die richtige Stelle im Körper bringen. Also biegt und faltet er DNA-Stränge, staucht und zerrt sie und fügt sie neu zusammen. Das Prinzip ist als „DNA-Origami“ bekannt, seit es 2006 in Kalifornien entwickelt wurde. Und bereits um die Jahrtausendwende herum hat die Forschung erkannt: Dieses Molekül, mit dem Lebewesen sonst ihre Gene speichern, eignet sich hervorragend als Baustoff. Denn DNA ist stabil und bildet regelmäßige Ketten, die sich gut neu zusammensetzen lassen.
Seine ersten dreidimensionalen Objekte aus DNA formt Dietz 2009 mit Kollegen noch als Postdoc in Harvard. Kurz darauf beruft ihn die TUM zum Professor für Experimentelle Biophysik. Seither entwickelt sein Labor die Origami-Technik ständig weiter: Das Team produziert etwa künstliche Membrankanäle aus DNA und Proteinen, einen Nano-Greifer oder es verkürzt die Zeit für die Selbstmontage der DNA-Schnipsel von einer Woche auf nur wenige Stunden. 2015 erhält Dietz für seine Errungenschaften den Leibniz-Preis, den wichtigsten deutschen Forschungspreis.
Wie Legosteine, die sich selbst zusammenbauen
„Man stellt alle benötigten Teile her, gibt sie zusammen, erwärmt, schüttelt und schaut, was dabei herauskommt.“ Klingt ganz einfach, wie Hendrik Dietz den Bau neuer Formen aus DNA-Schnipseln beschreibt. Denn sie setzen sich im Reagenzglas tatsächlich selbst zusammen – dieses Phänomen heißt in der Nanotechnik Selbstorganisation.
Wie Legosteine klinken sich dabei gegengleiche Teile ineinander. Zu welchen Formen sie zusammenwachsen, entwickeln die Forscherinnen und Forscher vorher allerdings am Computer. Die Länge der Ketten sowie die genaue Abfolge der Basen auf einem DNA-Strang bestimmen, welche Form entsteht – ob etwa Roboter, Greifer oder Propeller im Nanomaßstab.
Bakterien lassen Kosten schrumpfen
Eines der größten Hindernisse, um DNA-Origami für die Heilung von Krankheiten einzusetzen, waren lange die Kosten: Etwa 100.000 Euro kostete es bislang, nur ein Gramm neuer DNA-Strukturen herzustellen. Doch mit der Hilfe von E.coli-Bakterien kann Dietz die Kosten drastisch senken.
Man fügt dafür einzelne DNA-Schnipsel beliebiger Länge und Struktur in die Bakterien-DNA ein – und bei der Zellteilung werden diese binnen kurzer Zeit massenhaft vervielfältig. Zusammen mit Bioverfahrenstechniker Dirk Weuster-Botz produziert Dietz 2017 auf diese Weise symbolisch eine Pille aus DNA-Schnipseln. Sie kostet nur noch 100 Euro pro Gramm. Und enthält alle nötigen Bestandteile zum Bau neuer Nanostrukturen.
Der Nanotransporter für den Körper
Einen Transporter zu bauen, der medizinische Wirkstoffe an genau die richtige Stelle im Körper bringt, sie erst dort freisetzt und dadurch den restlichen Organismus schont – das ist eines der nächsten Ziele von Dietz und seinem Forschungsteam. Wichtige Bauteile haben sie schon entwickelt.
Darunter ein Modul, das Löcher in Zellmembranen erzeugen kann, sowie ein Käfig, der als Transportkapsel dienen könnte. Doch viele Fragen sind noch ungeklärt. Wie reagiert zum Beispiel der Körper auf einen solchen Nanotransporter? Bekämpft er ihn mit seinem Immunsystem oder nimmt er ihn problemlos auf? Die ersten Studien dazu haben bereits begonnen.
„Wir haben jetzt ein Regelwerk, mit dem man die kleinsten DNA-Bausteine programmieren kann. Man kann sie nach Belieben zusammenfügen – fast wie Legosteine.“
Hendrik Dietz, 2017, Professor für Experimentelle Biophysik der TUM und Carl-von-Linde-Senior-Fellow am TUM Institute for Advanced Study
Video: Wie arbeitet das Labor von Hendrik Dietz? (1'05 Min.; Stand 2014)
Disclaimer
Diese Geschichte erschien 2018 zum 150-jährigen Jubiläum der TUM auf einer inzwischen deaktivierten Jubiläumswebsite.
Text: Team Web Communications der TUM; Grafiken: KW NEUN
Literatur zur Geschichte der TUM
- Wolfgang A. Herrmann (Hrsg.), Martin Pabst/Margot Fuchs (Verf.), Technische Universität München - Geschichte eines Wissenschaftsunternehmens, 2 Bd., Berlin 2006.
Link zum Online-Katalog der Universitätsbibliothek - Wolfgang A. Herrmann, Winfried Nerdinger (Hrsg.), Die Technische Hochschule München im Nationalsozialismus, München 2018.
Link zum kostenlosen Download über mediaTUM (PDF, 79 MB)
Link zur Bestellung des Buches
Link zu Exemplaren in der Universitätsbibliothek - Irene Meissner, Bauten+Kunst. Technische Universität München 1868-2018, München 2018. Link zum Online-Katalog der Universitätsbibliothek
- Martin Pabst, Alumni der TUM. Prägende Gestalter aus der Technischen Universität München, München 2018. Link zum Online-Katalog der Universitätsbibliothek
- Martin Pabst, Köpfe der TUM. Geniale Entdecker und Erfinder aus der Technischen Universität München, München 2018. Link zum Online-Katalog der Universitätsbibliothek
- Brigitte Röthlein, Pioniere gestalten die Welt der Technik. 150 Jahre Forschung an der Technischen Universität München, München 2018. Link zum Online-Katalog der Universitätsbibliothek
Weitere Bücher und Informationen zur Geschichte der TUM
Dank
Wir danken allen, die uns beim Schreiben der Texte und bei den Visualisierungen unterstützt haben. Insbesondere den Autorinnen und Autoren der genannten Bücher, den Expertinnen und Experten an den Lehrstühlen, den Professoren und Professorinnen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Pressereferentinnen und -referenten des Corporate Communications Centers der TUM. Dank gilt auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Architekturmuseums, des TUM Klinikums Deutsches Herzzentrum, des TUM Klinikums rechts der Isar, der European Space Agency (ESA) und allen anderen, die uns fachlich beraten und Bildmaterial zur Verfügung gestellt haben.
Die Jubiläumsgeschichten verfasste das Team Web Communications der TUM. Die Umsetzung der grafischen Inhalte übernahm die KW NEUN – Designagentur.